In Traunviertler Höhenlage

Der oberpfälzer Künstler Peter Lang betreibt eine besondere Form der Landschaftsmalerei

von Christian Muggenthaler, Passauer Neue Presse vom 16.9.2017

Es gibt im Leben halt immer ein Auf und Ab, ein Unten und Oben. Und damit einem das wieder einmal so richtig bewusst wird, kann man in die Alpen reisen. Zum Beispiel nach Hinterstoder, wo man hinaufwandern kann auf die Höss-Alm, von 590 auf 1800 Meter – oder im Winter hinunter skifahren. Oder man fährt beineschlenkernd hinauf mit dem Lift, das ist die kommodeste Lösung. Oben erblickt der Reisende im Sommer vielleicht einen Container.

Vielleicht, weil der etwas versteckt ist hinter dem Speichersee neben den Schneekanonen: Dort lebt und arbeitet derzeit der oberpfälzer Künstler Peter Lang, malt seine Bilder in Reaktion auf die ihn umgebende Landschaft, während unten, in der Höss-Halle, gleich nach ihrer Produktion die Werke zu sehen sind. Oben entstanden, unten ausgestellt: “ Landschaft revisited“, „Landschaft wiederbesucht“, heißt das Projekt, Malerei mit Frischegarantie, anhand derer man vor Ort erfahren kann, wie Kunst auf Gegebenheiten reagiert. Und wie sie, im optimalen Fall, Wahrnehmungsgrenzen verschieben kann.

Ganz nebenbei wird so nicht nur die Landschaft einer neuen Betrachtung unterzogen, sondern gleich das Genre Landschaftsmalerei. „Es geht explizit nicht darum“, schreibt Kurator Reinhard Spieler über das gesamte Vorhaben, „Vorhandenes fotografisch oder malerisch abzubilden und im bekannten und vordefinierten Kunstraum auszustellen, sondern mittel spezifischer Interventionen überraschende Schlaglichter und ungewohnte Blicke auf die Natur direkt in der Landschaft selbst zu inszenieren.“

Spieler, Direktor des Sprengelmuseums Hannover und Kurator des auf mehrere Jahre angelegten Unterfangens, kennt Peter Lang schon länger. Da lag es nahe, ihn zu überzeugen, seinen Container oben auf dem Berg aufzustellen: den liebevoll-technokratisch „prc“ genannten, extra umgebauten Hochseecontainer, mit dem Peter Lang phasenweise die Welt bereist, bewohnt und abbildet.

Peter Langs Reise-Container: Mit dem war er schon in Patagonien, in Island. Man kann darin duschen, eine kleine Küche ist dabei, geschlafen wird in einer Schublade, die bis zu sechs Meter breiten Leinwände sind in einem Spezialschuber untergebracht, und am größten ist natürlich der Atelierrraum. Der Künstler als Globalschnecke mit seinem Haus immer dabei: Nie passte das sich nahezu zwangsläufig einstellende Bild besser als an jenem Tag, an dem ein Lastwagen den Container den Berg hinaufbugsieren musste als zischende und dampfende Alpin-Großschnecke. Eine waghalsige Serpentinenschnecke, die über Stock und Stein kurvt.

In Langs Bildern geht es in der eigenen Formensprache um Farbe, Licht, eine Welt hinter der Welt, in der neue Schichtungen neue Blicke ermöglichen. Seine Formensprache: die „Lang-Pixel“, die, grob gesprochen, Landschaft in Linien übersetzen, ihre Präsenz in einem beeindruckenden geschichteten Licht-Farbe-Muster deuten. Seine Werke wirken deshalb so eindringlich, so impressionistisch hineingeschraubt in die Realität, weil er manchmal monatelang inmitten der Natur wohnt, die er abbildet, ihre Kraft, ihre täglichen, meteorologischen und jahreszeitlichen Veränderungen auf sich wirken lassen kann.

„Sein Thema ist nicht wirklich das Abbild der Landschaft, sondern der Eindruck, den sie ausübt, wenn man sich ihr anvertraut und ausliefert“, schrieb Spieler einst über ihn. „Ich bin hier oft der einzige Mann am Berg“, sagt Lang selbst über sein Sein in Traunviertler Höhenlage. Da sitzt er, wandert, schaut, arbeitet, zu Füßen von Felsmassiven, die „Totes Gebirge“ deshalb heißen, weil hier keine Vegetation mehr ist und der Fels so nackt wie altgriechische Olympioniken.

Aber natürlich sind diese Formationen der Kalkalpen dennoch sehr lebendig: Licht, Wetter, Wolken ergeben ständig neue Wahrnehmungsschichten, die man aufzeichnen kann. Lang als konkreter Grenzgänger und potentieller Grenzverschieber: Hier lebt er mal wieder an einer Nahtstelle zwischen belebt und unbelebt. Unter sich das ganze plärrende, bunte Tourismusareal, das mit der letzten Seilbahnfahrt nach unten abrupt in einem explosiven Schweigen endet; neben sich die winterorientierten Fragwürdigkeiten Speichersee und Schneekanonen; über sich nichts als eine tonnenschwere Erhabenheit.

Zum Kennenlernen der Landschaft gehört für Lang das Kennenlernen der Menschen, die darin wohnen: „Verstehst du die Leute, verstehst du die Landschaft. Verstehst du die Landschaft, verstehst du die Leute.“ Schon beginnen die Liftleute und benachbarte Almbäuerin, sich für dein Tun zu interessieren, auch weil sie sehen, dass er ebenfalls ein Arbeiter ist, ein Kunst-Arbeiter halt.

Das Miteinander von Menschen ist ein Miteinander von Spezialisten, und er, sagt Lang, sei als Künstler eben ein Spezialist für sinnliche Angelegenheiten. So trage er bei zur Weltwahrnehmung: Jeder mache seins, und ein entscheidender Gradmesser von Freiheit sei es, diese grundsätzliche Verschiedenheit der Menschen zulassen zu können: „Man sieht nur, was man weiß.“ Und diese Grenze kann man verschieben, diese Grenzen kann Kunst verschieben.