Vignetten

Armann Reynisson, (Übersetzung Richard Kölbl) im Katalog Peter Lang – Landkrabbi, Gleißenberg 2013 ISBN 978-3-943222-10-4

Mitternachtsstimmung

Ewig scheint die Nacht anzudauern in der Zeitlosigkeit, die sich über die Gefährten wölbt, während sie in Krossavík mit Birnengeist anstoßen. Zur einen Seite thront der Snæfellsjökull, sein Atem geht bedächtig und ruhig, während Schattierungen von Blau auf dem weißen Firn spielen. Im Takt des Atems scheint sich der Berg auszudehnen und zusammenzuziehen. Seine Konturen schärfen sich allmählich und nehmen den Ort in ihre Arme auf. Und das Lavafeld, das den Fuß des Gletschers umfasst, wird dunkler und dunkler, wobei das Moos in den Zwischenräumen unter der Strahlenflut der Mitternachtssonne aufglüht. Majestätische Wolken türmen sich am strahlend blauen Himmel in der Ferne wie Kulissen in unzähligen Gestalten und zartrosa Schattierungen auf. Wenn unter spärlichen Gesprächen die Gläser aufs Neue gefüllt werden, lenkt man den Blick in die andere Richtung. Dort sind rötliche Seidenfähnchen zu erblicken, die am Himmelsgewölbe vorüberziehen, so wie Wellen am Strand auflaufen. Jenseits des schwarzblauen Fjords mit seinen ungezählten Inseln, auf dem sanfte Wellchen sich heben und senken ganz so wie die Krallen einer Katze, blickt der majestätische Gebirgszug der Westfjorde vom Horizont herüber wie ein breites Antlitz. Zwischen den Bergen schwebt das Gestirn des Tages tief am Himmel wie in ungezwungenem Spiel, bevor es sich aufmacht und erneut gestärkt in die höchsten Höhen aufsteigt. Die Freunde fühlen die natürliche Energie der Umgebung ihre Körper durchströmen und der Geist des Weins regt den Kreislauf gehörig an. Das ganze Schauspiel fließt in ihrem Geist zusammen und wird dort für die Zukunft bewahrt. Später wird eine innere Spannung die Künstler antreiben, mit Kribbeln in den Fingern Gemälde auf die Leinwand zu bannen und bildhafte Vergleiche aufs Blatt zu notieren.

Auf Wikingerfahrt

Im Herzen Europas gelegen umgibt Bayern zu allen Seiten Festland und zweifellos kann man dort Menschen antreffen, die in ihrem ganzen Leben nicht das Meer zu Gesicht bekommen. Das gilt aber nicht für einen ganz speziellen Wikinger, der dort lebt mit Feuer in den Adern, dessen Geist sich zu Höhenflügen aufschwingt und in Kunstschaffen jeder Art eruptiert. Für den Künstler sind die heimischen Gefilde mit Grenzen für seine Phantasie umstellt. Es ist die grandiose See, die Länder und Kontinente umschließt, welche ihn vor Begeisterung aus den Schuhen hebt. Nicht ohne Grund zündete bei dem Bayern der Geistesblitz, seinen Freund Florian Nagler, einen begabten Architekten, dazu zu bringen, ihm ein modernes Wikingerboot zu entwerfen. Es soll jedwedes Land in friedlicher Absicht besuchen können, auf das der Künstler in der Absicht, sich inspirieren zu lassen, seinen Fuß setzt. Sie machen sich ans Werk und der Traum wird Wirklichkeit. Das Ergebnis ist die Sonderanfertigung eines Containers aus rostfreiem Stahl mit allem Drum und Dran, damit man darin wohnen und sich der Kunst widmen kann. In Zeiten von Technik und Computern reist das Gefährt per Eisenbahn, Lastwagen und Containerschiff zum jeweiligen Zielort. Als erstes steht das ferne Patagonien auf dem Programm und die Reise gelingt, wie man es sich nur wünschen kann. Doch heimwärts geht es noch nicht und im zwölften Jahr des neuen Jahrhunderts schlägt man Kurs in Richtung des Landes der Mitternachtssonne ein, zum Land aus Feuer und Frost, auf die Sagainsel Island höchstselbst, wie sie in all ihrer Macht mitten in den Fluten des Atlantik liegt. Anfang Juni begrüßt das Land den guten Gast aus Deutschland mit einzigartig schönem Wetter, die Sonne lacht fast schelmisch Tag und Nacht wie noch nie zuvor in dieser Jahreszeit.

Peter Lang

Die Majestät der Alpen übt auf jeden, der in der Natur liest, eine unwiderstehlich magische Anziehungskraft aus. Sie bringt Sinneswahrnehmungen zum Erblühen, die bis ans Lebensende nicht mehr verwelken und die Seele schließlich in die Ewigkeit hinüber geleiten. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts spielt ein kleiner Bub am Fuße der bayerischen Alpen zwischen Bergeshöhe und tiefem Tal. Er wächst heran und gedeiht, er ist für die Dimensionen des Geistigen ebenso offen wie für die des Weltlichen, und was immer sein Interesse erweckt, das eignet er sich kraft seiner Begabungen sorgfältig und detailliert an. Später führt der Weg den jungen Mann in die Münchner Kunstakademie, und dort legt der Student das Fundament zu seiner glanzvollen Karriere. Peter Lang ist mittelgroß gewachsen, kräftig gebaut, sein Teint ist eher dunkel, er tritt unkompliziert und natürlich auf. Der Künstler ist außergewöhnlich empfindsam, offen und heiter. Er hat seinen eigenen Kopf, aber das Lachen ist nie weit weg.

Er ist eine Persönlichkeit, frei wie ein Vogel, geht ungehindert seiner Wege, doch behält er stets Bodenhaftung, den Schlapphut auf dem Kopf und die Tabakspfeife immer in Griffweite. Peter ist ein wahres Kraftpaket. So wie der Große Geysir aus der Erde hervorbricht, so sprüht auch sein Geist von Ideen. Und doch ist all diese Kraft gezügelt und gebändigt wie beim Islandpferd mit seinen fünf Gangarten. In seiner persönlichen und sensiblen Manier bannt er das im Spiegel seiner Seele Erschaute auf Leinwand oder Papier, so dass kein Kenner sich im Zweifel darüber befinden kann, wer der Schöpfer dieser Werke ist. Mit seinen Kunstwerken ermöglicht Peter Kunstliebhabern einen Einblick in die Tiefen und Weiten eines Naturraumes, in dem Stille und Schönheit herrschen. Sich darein zu versenken und für eine Weile alles um sich herum zu vergessen, tut unserer menschlichen Natur nur gut.

Das Naturkind

Am äußersten Meer draußen auf der Halbinsel Snæfellsnes steht ein modernes Wikingerboot auf dem trockenen Land, fachmännisch nach allen Regeln der Kunst gebaut, als handelte es sich um ein Uhrwerk. Dort ist ein Naturparadies, das keinem auf dieser Erde sonst gleicht, und einer der acht machtvollsten Kraftorte der Erde. An einer Seite des Bootes, die offen ist, befindet sich eine beträchtlich große Plattform mit einer zeltartigen Überdachung und ein Kaminofen wärmt das Fahrzeug, so weit es reicht. Das Bauwerk ist darauf ausgelegt, Schneefällen, Wind und Wetter zu trotzen und es lockt Mensch und Tier an diesen abgelegenen Ort, der Neugierde wegen. In dem Schloss regiert ein König, als sei es in seinem eigenen Reich, und dort residiert er und widmet sich über Monate hinweg tagaus, tagein seinem Kunstschaffen. Immer wieder legt er kurze Pausen ein, um die nächsten Schritte zu überlegen und aus der reichlich fließenden Quelle des Landes zu schöpfen. Nur wenig Zeit bleibt dem Naturkind, sich um sein Äußeres zu kümmern oder aufwändige Köstlichkeiten zuzubereiten, aber ein Stamperl Schnaps dazwischen ist eine Wohltat, wenn Kälte und Wind angreifen. Wenig Zeit ist für Engelsschlummer, da die Ideen den Kämpfer herausfordern, und seine Energie scheint während seiner Fischzüge im Reich der Kunst unerschöpflich. Ist dann das Werk eines Jahres abgeschlossen und der Container bis oben hin voll mit Kunstwerken vieler Größen und Arten, dann ist Peter Lang für seine Freunde kaum mehr wiederzuerkennen. Dann nämlich gleicht er fast bis aufs üppig gewucherte Haar den alten Wikingerhelden mit seinem graumelierten Bart, und Farbstaub von Dr. Georg Kremer in nahezu allen Schattierungen ziert sein Antlitz und die golddurchwirkte Kampfmontur. Unverändert aber bleibt der Glanz seiner Augen.

Die Natur auf die Leinwand bannen

 Das Meeresrauschen dringt an Land und vermischt sich mit dem Vogelkonzert und all den verschiedenartigen Klängen, welche die Natur beständig von sich gibt. Dirigent dieses Symphonieorchesters ist die Witterung selbst und sein unendliches Programm richtet sich jeweils nach dem Wetter; es rangiert von Wagnerschen Symphonen bis zu Mozartschen Flötenkonzerten. Unter diesen Umständen widmet sich Peter Lang in seinem Zeltschloss seinem Kunstschaffen, und je nach Lust und Laune bewegt der Wind das Segeltuch leise oder schlägt darauf ein. Zu Beginn eines neuen Gemäldes ist die Idee dazu bereits in gewissem Umfang im Geiste ausgeformt. Sodann wird die Größe der Leinwand festgelegt sowie das Farbspektrum, das darauf aufgebracht wird. Danach beginnt das eigentliche Werk: Farbpulver wird nach allen Regeln der Kunst mit einem spitzen, schmalen Spatel, mit Ei und Wasser auf einer Glasplatte angerührt. Ist der Künstler mit der Farbe zufrieden, wählt er einen breiten und möglichst alten Pinsel und taucht ihn in die Mischung. Er streicht über die Leinwand von unten nach oben, hin und her, langsam, aber entschieden. Dazwischen wird die Farbmischung nach Belieben variiert und daraus resultiert der Untergrund des Gemäldes. Wenn die Farbe getrocknet ist, wird Öl aufgetragen, das anschließend das Farbpulver in allen möglichen Farbschattierungen festhält. Es wird waagrechten Schusslinien folgend von oben nach unten quer über die ganze Fläche verteilt. Stundenlang arbeitet der Wikinger wie ein Berserker. Er kommt erst dann wieder zu sich, wenn der Tag sich in den Abend neigt und ein neues Kunstwerk fertiggestellt ist, den des Genusses fähigen Kunstliebhabern zur Freude.

Heimreise

Nach ununterbrochener Auseinandersetzung mit seinen Ideen und dem Kunstschaffen, mit Wind und Wetter, Licht und Finsternis, Schlaf und Wachen ist das Islandjahr des bayerischen Wikingers abgelaufen. Peter Lang packt seine wetterzerzausten Habseligkeiten zusammen, über hundert Gemälde und ebenso viele Zeichnungen. Dann verlässt das Boot seinen Liegeplatz und die Heimreise beginnt mit all den erbeuteten Kunstschätzen. Ein günstiger Wind begleitet das Wikingerboot, es fährt unter vollen Segeln und erreicht schließlich Bayern mit Gaben für alle,  die seine Botschaft empfangen wollen. Man macht sich daran, den Deckel der Kiste zu öffnen, die übervoll ist mit Gold und Edelsteinen aus dem Land der Polarnächte. Eine umfängliche Werkschau wird in Regensburg abgehalten und der Schatz zunächst Stadt und Landkreis des wackeren Kämpfers präsentiert, später dann allen seinen Landsleuten, die mit der Mystik und den Reichtümern der Sagainsel Bekanntschaft schließen wollen. Anschließend finden die Kunstwerke ihren Weg auch über die Grenzen Deutschlands hinaus, sie offenbaren der Welt ebenso wie seinen Landsleuten das Zusammenspiel von Natur und menschlichem Geist. Auf stille Art trägt der Künstler mit seinen Werken seinen Teil zum Naturschutz bei. Wer tiefschürfender leben will als es das Gerenne um Lebensqualität und Geglitzer unserer Zeit anbietet, dem öffnet er damit die Augen für die Grundlagen, die für eine glückliche Zukunft der Erdbevölkerung unabdingbar sind.

Armann Reynisson, Übersetzung Richard Kölbl