Angezogen von den Rändern der Welt

Der Maler Peter Lang lebt und arbeitet eine Weile in seinem Ateliercontainer auf dem Hans-Kübler-Platz in Ludwigshafen

Von Hans-Ulrich Fechler, DIE RHEINPFALZ – Nr.163 vom 16.7.2011

Direkt aus Patagonien kommt der Container auf dem Hans-Klüber-Platz, in dem der Maler Peter Lang eine Weile lebt und arbeitet. Schon bei der Eröffnung des Ludwigshafener Kultursommers war er mit seinen Landschaftsbildern, die im Wilhelm-Hack-Museum ausgestellt sind, vertreten. Jetzt ist Peter Lang noch einmal hier, wohnt für zwei Wochen auf dem Klüber-Platz und steht Besuchern noch bis Sonntag nächster Woche bereitwillig Rede und Antwort.

Kaum eingetreten, ziehen nach dem Gemälde bald ein Regenschirm und eine große Bratpfanne, die an einer Stange von der Decke hängen, den Blick auf sich. Der Boden ist farbverschmiert, ein Tisch bedeckt mit Farbbeuteln. In einer Ecke am Eingang sind Bier- und Wasserflaschen neben Schuhen, einem Radio, einem Mülleimer und einem Rucksack abgestellt. Bett und Küche sind hinter Schranktüren verborgen.

Der Container dient Peter Lang als Atelier und zugleich als Wohnstätte. In ihm hat er fünf Monate, von November bis April, wenn auf der südlichen Erdhalbkugel Sommer ist, in einer abgelegenen Gegend Chiles verbracht. Am Lago General Carrera, wie er von den Chilenen genannt wird, von den ebenfalls angrenzenden Argentiniern dagegen Lago Buenos Aires, hat er seine farbenprächtigen Gemälde umgesetzt. Einige dieser großformatigen Bilder, zwei mal 5,70 Meter groß, sind nun im Wilhelm-Hack-Museum ausgestellt. Um sie anzuschauen, muss ein Betrachter noch nicht einmal Eintritt zahlen. Auf  dem Klüber-Platz kann er durch die großen Fensterscheiben einen ausgiebigen Blick auf sie werfen.

Sein Zuhause hat Peter Lang im bayerischen Wald. Hier lebt er mit Frau und fünf Kindern. „Ich bin ein Landei“. Sagt der in dem Ort Holzkirchen am Tegernsee geborene Maler mit einem nicht zu überhörenden bayerischen Tonfall, während er gemütlich an seiner Pfeife zieht. „Für mich ist das Stress in der Stadt.“ Besonders von den Rändern der Zivilisation fühlt er sich angezogen. „Soweit der Container sich transportieren lässt, so weit reicht unsere Kultur“, meint er. Wildnis beginnt für ihn da, „wo kein Laster mehr fahren kann, wo man Esel, Pferd und Rucksack braucht.“ Den Container hat er mit Schiff und LKW in die Abgeschiedenheit Patagoniens transportieren lassen. Die nächste Stadt war 140 Kilometer entfernt. Wo bevölkerungsstatistisch weniger als 0,5 Einwohner je Quadratkilometer leben, ist er ein einziges Mal während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes ein paar Gouchos begegnet. Sonst keiner Menschenseele. Um sich zu ernähren, musste er Hasen fangen und eigenhändig schlachten. Es gab keinen Strom, aber ein Handy hatte er bei sich, um ab und zu mit seiner Familie zu telefonieren.

„Das eigenartige Türkis hat mich fasziniert“, erinnert sich der Maler an die Farbe des riesigen Sees und an seinen eigentlichen Auftrag. „Ich bin ein Farbjäger“, sagt er über sich. Schon mit sechzehn Jahren hatte der bald 46-Jährige sein erstes Atelier. Später studierte er Kunst in München. Stilistisch schloss er sich der Konkreten Kunst an, ist also im Hack-Museum gut aufgehoben. Nur ist die Maltechnik, die er seit einigen Jahren anwendet, außergewöhnlich. Mit einer pigmentgetränkten Schlagschnur, am Bildrand festgehalten von einer Klammer, schlägt er die Farben auf die Leinwand. Mit seiner dem Pointillismus verwandten Technik glaubt Peter Lang sich konform mit der Fernseh- und Computerwahrnehmung. „Ich greife unser pixelhaftes Sehen auf“; sagt er. So hat er die Farbeindrücke und Lichtstimmungen am Lago General Carrera eingefangen in seinen eigenwilligen Landschaftsgemälden, die Namen wie „Mondlicht“, „Inseln im großen See“, „Laguna del Toro“ oder „Lago Buenos Aires“tragen.

Als sein nächstes Ziel hat Peter Lang Island im Auge. Er ist ein recht gefragter Maler. Zurzeit hat er neben der im Hack-Museum noch sechs weitere Ausstellungen in Deutschland, darunter eine in Köln, in München sogar zwei. Aber über die auf dem Klüber-Platz, wo er 24 Stunden verbringt und das Geschehen Tag und Nacht beobachten kann, spricht er das zweifelhafte Lob aus: „Das ist eine der skurrilsten Ausstellungen, die ich je hatte.“