Ein Leuchten in der Nacht?

Jacqueline Michelle Rhein M.A., Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, im Katalog Peter Lang und das Polarlicht, Köln 2019, ISBN 978-3-9812421-3-3

Ein Band, das sich aus mehreren, unterschiedlich hellen Linien zusammensetzt, flammt  vor dem schwarzen Hintergrund auf. Darunter reflektiert eine weit ausladende Fläche dessen Licht. Auch geschwungene Linien, die im Bildvordergrund aus den linken Erhebungen hervortreten und sich zum rechten Bildrand bewegen, scheinen in der dunkleren Umgebung zu glühen. Das Lichtspiel tränkt die gesamte Darstellung und wird als rahmendes Kompositionsmittel eingesetzt.

In einer Graphik mit reduzierter Farbigkeit unterschiedliche Intensitäten diverser Lichtquellen künstlerisch umzusetzen, zeugt von der hohen Qualität Ljósadans; eine Qualität, die sich in allen 33 Werken Peter Langs wiederfindet. Ausgerüstet mit einer kompletten Radierwerkstatt, beschäftigte sich der Künstler während langer Winternächte in Hellissandur (November 2018 bis Juni 2019) mit Polarlichtern und den Erscheinungen im isländischen Winter.[1] Bei Vetrarnótt schwebt sanft ein Leuchtfeuer in einer samtig-weichen Textur über eine spiegelnde Fläche dahin. In Englaljos hingegen durchbricht explosiv ein bogenförmiges Licht die Schwärze; die gesamte Umwelt wird von der Energie des Moments erfasst und zum Bildrand gedrängt. Peter Lang gelingt es, in diesem Zyklus durch harte Kontraste sowie spärliche Farbgebung abstrakte Lichtphänomene auf Papier anzudeuten, und auf jedem Blatt kompositorische Harmonien zu erreichen. Die Arbeiten zeigen nicht reale Darstellungen von Landschaften und Lichtspektakeln des Himmels, sie abstrahieren die von der Natur inspirierten Erscheinungen und Phänomene, sie bewegen sich zwischen Abstraktion und einer Wahrnehmung als Landschaftsbild.[2] Linien, Farben, Reduktion der Formen, eingesetzte graphische Techniken und klare, meist die Horizontale betonenden Bildkonstruktionen erzeugen emotionsgeladene Bildräume und Seh-Erlebnisse. Ob sanft dahin schwebende Polarlichter, zu Eis erstarrte Welt, zäher Lavastrom oder tosende See – die Assoziationen sind individuell vom Betrachter abhängig[3].

Neben dem wiederkehrenden Hauptmotiv des Polarlichts finden sich auch Werke, die von anderen Impressionen angeregt zu sein scheinen. So verwirbeln in Háflæði unkontrollierte, schlammige Linien und strömen ungebremst in alle Richtungen aus. Ein einzelner schwarzer Fleck, möglicherweise ein Fels, steht in diesem Chaos. Wie lange wird er dem Tumult standhalten? Droht er doch noch, sich zur Seite zu neigen? Das Bedrohliche wird durch einen dunkelblau gefärbten Hintergrund verstärkt, in dem sogar hellblaue Farbtupfer scheinbar in Fetzen gerissen werden. Alles in dieser Graphik ist in Bewegung und mit Energie geladen; der Blick wandert und findet im Gewirr nur noch mit Mühe einen visuellen Halt im schwarzen Felsen. Dieses Blatt hinterlässt den Eindruck ungezähmter Kraft – eine Evokation mittels reduzierter Farben und unvorhersehbaren Linien.

Die Linie und die Linienführung sind im Œuvre Peter Langs ein typisches gestalterisches und strukturierendes Mittel.[4] Kolgrafafjörður ist durch dieses Mittel in die drei Bildebenen Vorder-, Mittel- und Hintergrund unterteilt. Horizontale Linien verdichten sich zur Bildmitte hin, werden dunkler und erzeugen Bildtiefe. Eine hellere, leicht bogenförmig verlaufende Mittelebene, setzt sich von der dunklen Fläche ab. Auf den ersten Blick wirkt diese, wie eine aus geometrischen Formen zusammengewürfelte, fast prismatische Struktur, doch der zweite enthüllt, dass die plastische Wirkung tatsächlich auf mehreren, unterschiedlich verlaufenden Linienflächen beruht. Vertikale Linien in der dritten Bildebene betonen die davorliegende und machen die Illusion von Perspektiven und Bildraum perfekt. Hier ist nicht das Motiv entscheidend oder welche Vorlagen aus der Natur das Blatt hat, es lebt und wirkt durch seine ausgeklügelte Komposition.

Nichtsdestoweniger die Arbeiten des Künstlers sind Werke mit emotionalem Nachklang – von ruhiger bis kraftvoller Wirkung, sie „sprechen“ zur Gefühlswelt des Rezipienten. Auch Island, das Land in dem diese Werke entstanden sind, regt Vorstellungen und Träume an.

Jacqueline Michelle Rhein M.A.


[1] Schriftliche sowie telefonische Korrespondenz der Autorin mit dem Künstler (02.10.2019 und 18.10.2019). Die kleinen, handlichen Platten hat Peter Lang oftmals direkt unter freiem Himmel zum Beispiel mit der Kaltnadel bearbeitet. Für die anschließende Arbeit mit diversen Techniken, Ätzmitteln und den weiteren Druckprozess hat er sich in sein temporäres Atelier in Hellissandur zurückgezogen.

[2] Vgl. Buhlmann, Britta E.: Landschaft und Linie. In: Ausst.-Kat.., Buhlmann, Britta E., Museum Pfalzgalerie, Kaiserslautern (Hrsg.): Peter Lang. Malerei Painting. Arbeiten Works 2005-2009, mpk, Kaiserslautern 2009, S. 11.

[3] Vgl. Ebd., S. 28.

[4] Vgl. Ausst.-Kat, Buhlmann, Museum Pfalzgalerie (Hrsg.), S. 16ff. Ausst.-Kat., Peter Lang (Hrsg.): Peter Lang. Landkrabbi, Städtische Galerie Leerer Beutel, Regensburg (u.a.), Gleißenberg 2013. Abbildungsteil, ohne Paginierung. Ausst.-Kat., Galerie Klatovy / Klenová (Hrsg.): Peter Lang. Bilder / Obrazy, Galerie Zum weißen Einhorn, Klatovy, Kunstverein Hof, Klatovy 2010, Abbildungsteil, ohne Paginierung.

Bibliographie

Ausst.-Kat., Peter Lang (Hrsg.): Peter Lang. Landkrabbi, Städtische Galerie Leerer Beutel, Regensburg (u.a.), Gleißenberg 2013.
Ausst.-Kat., Galerie Klatovy / Klenová (Hrsg.): Peter Lang. Bilder / Obrazy, Galerie Zum weißen Einhorn, Klatovy, Kunstverein Hof, Klatovy 2010.
Buhlmann, Britta E.: Landschaft und Linie. In: Ausst.-Kat., Buhlmann, Britta E., Museum Pfalzgalerie, Kaiserslautern (Hrsg.): Peter Lang. Malerei Painting. Arbeiten Works 2005-2009, mpk, Kaiserslautern 2009.