Landstriche – Wiedersehen mit Peter Lang

Wolfgang Herzer zur Ausstellung im Kunstverein Weiden

Peter Lang wurde 1965 im oberbayerischen Markt Holzkirchen geboren. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München bei Rudi Tröger, einem Maler, der von Impressionismus kommt und die „Ausstellung der Dinge“, wie dieser er es nennt ,in „linear dicht verspannte farbräumliche Beziehungsgefüge“ überträgt, und Jerry Zeniuk, einem Vertreter der „ radikalen Malerei“, der sich der Strahlkraft der Farbe in vollkommenen gegenstandslosem Zusammen hang widmet.

1993 richtet sich Lang als freischaffender Künstler in der Kreisstadt Miesbach, einer Lage direkt am Rande der bayerischen Alpen, ein Atelier ein. Hier entsteht 1999 eine als Kalender angelegte Holzschnittserie, die die Quintessenz seiner bisherigen Arbeit und die programmatische Grundlage seiner zukünftigen Aktivitäten bildet.

In dieser Phase der Holzschnittkalender und der wandhohen „großen Holzschnitten“ lernten sich der Kunstverein Weiden und Peter Lang kennen. Gleich zwei Ausstellungen in den Jahren 1999 und 2000. Beide, der Künstler und die Kunstvermittler, bzw. Partner für Künstler, waren zu neuen Ufern unterwegs, in Weiden hatte das Team Hammer, Herzer und Bergler das kleine Ausstellungs-Gewölbe der ersten Jahre verlassen und ihren Visionen ein ganzes Haus angemietet; große Aufbruchstimmung und Gespanntsein, wie´s weitergeht, in Varianten, die sich gegenseitig beflügelt haben.

Lang ist Landschaftsmaler, sein Thema, die Strukturen des Naturraumes und seine Stimmungen im Wandel der Tages- und Jahreszeiten, ein altes Thema, ein Leitthema, das die ganze Kunstgeschichte durchzieht. Langs Vokabular stammt aus dem Herzen der Moderne, der Konkreten Kunst, die mit reinen Farb- und Formideen arbeitet und deshalb, wie ihr Pionier Mondrian es vorgab, Farbe und Form entnaturalisiert. Analog dazu fand Lang seinen eigenen Weg und entledigt sich in den 36 Monatsblättern seiner Holzschnittkalender schrittweise all der expressiven und assoziativen Form-Qualitäten, an denen der Holzschnitt reich ist, um schließlich bei der unbearbeiteten Platte, bzw. dem Rechteck, dem Quadrat, den unterschiedlichen Größen, Proportionen und Kombinationen anzukommen. Auch wenn die Darstellung des Künstlers, der sich dem ländlichen leben eng verbunden fühlt, damit weit von der Dingverliebtheit eines Brueghel und seiner Nachfahren entfernt ist, so muten die Arrangements farbiger „Bausteine“ keineswegs abstrakt und entnaturalisiert an. Denn die Reduktion der Form hatte nicht im „Kopf des Geometers“ stattgefunden, war nicht als Ornamentalisierung der natürlichen Entscheidungsform durchgeführt worden. Langs Bausteine sind vielmehr Erlebnis-Verdichtungen, seelische Symbole und Notate von Atmosphären, in denen die körperlich stimulierende Auseinandersetzung mit dem Material Holz und der Farbe im Atelier und eine Unzahl Allwetter-Wanderungen im Außenraum beredete Verbindungen bilden.  Farbe und viereckige Form und dieser entsprechend die senkrechte und waagrechte Erstreckung erscheinen hier unmittelbar als Suggestionen der Ferne, Nähe und Berührung. Die Möglichkeiten, die ihm damit das Medium des Holzschnitts eröffnet, und die zunehmende Anerkennung, die er damit erfährt, lassen ihn in andere Ausdrucksformen, speziell die Malerei, weitgehend zurückstellen.

Im Jahr 2000 siedelt Lang mit seiner Familie in den Oberpfälzer Wald nach Gleißenberg um, in das sog. Bayerische Meran und bezieht dort ein Atelierhaus, das ihm sein Freund, der Architekt Florian Nagler aus transparenten Stegplatten und OSB-Platten hingestellt hat. Hier entfaltet Lang eine enorme Produktivität, die sein Ansehen als Holzschneider festigt, aber zwischen Skizzenbuch, Druckstock, tonnenschwerer Druckpresse und zunehmenden Ausstellungsreisen kaum noch Luft zum Atmen lässt.

Der Kontakt zum Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf, das als Mitglied des internationalen Netzwerkes Res Artis einen ständigen Künstleraustausch mit ausländischen Künstlerhäusern unterhält, verschafft dem Künstler diese Luft wieder, 2006 zwölf Wochen norwegische Seeluft im sommerlichen Trondheim, das im Westen Mittelnorwegens an einem der längsten Fjorde des Landes liegt. Hier erweitert Peter Lang, Bildarbeiter am Elementaren, seine Auseinandersetzung mit den Formationen mit Himmel und Erde, um das Element Wasser, das zwischen den zerklüfteten Fjordrändern und den Aufmärschen unendlicher Wolkenschiffe Wellenzeile für Wellenzeile den Horizont vervielfältigt. Das sind Unendlichkeitseindrücke, unter denen der Zeitraum des Stipendiums Spielraum wird und die Zwänge und Auffassungen der Erfolgsjahre der Idee Platz geben, dass das in der künstlerischen Hinsicht noch nicht alles gewesen sein kann.

Für Peter Lang wird der Raum Trondheim eine Caspar-David-Friedrich-Landschaft, ein Raum gebrochener Tiefenlinien, ein Echoraum unendlicher Horizonte, der die Ideen , die er schon lange in sich trägt endlich zur Reife kommen lässt. Seine bisherige Konzeption, Atmosphären in den Sprachraum der Bildfläche zu übersetzen, radikalisieren sich. Was für den Holzschnitt nicht schlüssiger sein konnte, ein Senkrecht-Waagrecht-Code langer und kurzer Farb-Viereck-Ränder, vereinfacht sich der Landschafts-Kulisse entsprechend zur Schiffsmeldung, zum Morsealphabet, auf waagrechter Linie oder analog dem Viereck des Druckstockes zum Faden der Leinwand. Der holt Peter Langs Malerei aus ihrem Schattendasein wieder heraus und positioniert sie als gleichrangig neben dem druckgrafischen Werk. Nach Langs Heimkehr erweitern sich die Trondheim-Anfänge an einem ähnlich herausfordernden Ort, einer Waldarbeiterhütte im Ammergebirge, wo Peter Lang viele Wochen in völliger Abgeschiedenheit arbeitete. Gleichzeitig lebt er dort in nächster Nähe zum Schloss Neuschwanstein, einer modernen Pilgerstätte und dem Sinnbild einer gescheiterten Hoffnung, das Kunst Wirklichkeit werden kann.

…..alles, was gesagt werden kann, passt auf Zeilen, die die ausgeschickten Klangzeichen Punkt für Punkt auffädeln, aufreihen und daraus unbegrenzte, flirrende Klangteppiche weben. Das ist die Formel, die sich jetzt anwenden lässt. Ein technisches Äquivalent, das den Malakt ähnlich schlüssig wie beim Holzschnitt in die Bildaussage mit einbezieht, findet Lang in der Schlagschnur oder Maurerschnur, mit der die Handwerker vor der Erfindung des Lasers gerade Linien über große Distanzen gezogen haben und die er selber vom eigenen Hausbau her kennt. Die Schlagschnur wird wie eine Bogensehne benutzt. Von trockenem Pigment durchdrungen ist sie vor die präparierte, mit einer Untermalung versehenen Leinwand gespannt, nach jedem Loslassen, das einen „Landstrich“ unendlich differenzierter Farbstrichnuancen auf die Bildfläche befördert, wandert sie bzw. wandern andere, anders eingefärbte Schlagschnüre ein paar Schussfäden weiter in die Höhe, bis das gesamte Gewebefeld Schnurbreite für Schnurbreite durchgearbeitet ist.

Der Begriff Malerei verbindet sich hier mit den archaischen Formen der Landvermessung, das künstlerische Handwerk wird zur meditativen Übung, zu alchimistischem Ritual und Rahmen, in dem wahre Bilder aus Weltbausteinen sind, aus Erde (Pigment), Luft ( Abstand der Sehne, Ferne der Horizonte), Wasser (feuchte Bildoberfläche) und Feuer (Zugkraft, Strahl der Farben).

Wolfgang Herzer, KV Weiden